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WM-Fußball und seelische Gesundheit

Ein Tag nach dem 4:0-Sieg gegen Portugal kann man hier schon mal die Frage stellen, ob die Fußball-WM förderlich ist für die seelische Gesundheit. Dazu brauche ich jetzt nicht auf den einschlägigen Seiten und Datenbanken im Internet recherchieren. Gehaltvolle Studien wird es zu dieser Frage nicht geben. Das hat für mich den unschlagbaren Vorteil, dass ich als Psychotherapeut umso mehr verwegene und zugleich profunde Thesen zum Thema aufstellen kann.

Bemühen wir zunächst die Depressionsforschung. Dort gibt es eine Theorie zur Entstehung von Depressionen, die sog. Verstärkerverlusttheorie. Die besagt, dass Depressive deshalb verstimmt sind, weil sie zu wenig ‚verstärkende‘ Aktionen umsetzen. Damit sind solche Aktivitäten gemeint, die uns guttun. Und nun macht es sicherlich Klick bei Ihnen. Vielen Männern gefällt WM-Fußball-Schauen. Insofern wirkt das Ganze verstärkend-antidepressiv.

 

Nörgler mögen einwenden, dass das ja nur zutrifft, wenn die eigene Mannschaft gewinnt. Dem würde der Verstärkerverlusttheoretiker entgegnen, dass die Verstärkerbilanz relevant ist und nicht das einzelne Ereignis. Und die ist ja bei der deutschen Mannschaft positiv: insgesamt gewinnen wir mehr Spiele, als dass wir sie verlieren. Aber selbst Anhänger der Mannschaft von den Färöer-Inseln müssen nicht zwingend depressiver sein, weil sie mehr Niederlagen einfahren. Wir Menschen können flexibel unsere Erwartungshaltungen anpassen oder umdeuten. Will heißen: ein Unentschieden oder knappe Niederlage kann von den Insulanern schon als Erfolg und somit verstärkend ‚abgefeiert‘ werden.

Ein weiteres Argument liefert die Motivationsforschung. Wohl fühlen wir uns immer dann, wenn zentrale Motive erfüllt werden. Zu Beginn jeder Therapie messe ich die wichtigsten Bedürfnisse meiner Patienten. Hier einer Auswahl der Motive, die vom WM-Fußball ‚getriggert‘ werden: Abwechslung – die WM gibt es nur alle vier Jahre; Selbstbelohnung: man gönnt sich vier Wochen lang die täglich Dosis Fußball; Geselligkeit: Fußball schaut man selten allein, sondern zusammen beim Grillen mit der Familie, mit Freunden oder beim Public Viewing.

Und nicht zuletzt sei ein Befund aus den Männergesundheitsberichten erwähnt. Männer haben – dem Testosteron sei Dank – einen stärkeren Reizhunger als Frauen. Will heißen, sie benötigen eine höhere sensorische Stimulation – müssen also mehr erleben, um sich wohl zu fühlen. Das ist auch der Grund, warum Extremsportarten mehr Männer als Frauen anzieht, weil sie hier ihren Reizkick bekommen. Kicken kickt auch – WM-Kicks noch mehr. Es gibt Spiele, die knapp gewonnen oder verloren werden, dramatische Spiele, ein spannendes Unentschieden, ungerechte Schiedsrichterentscheidungen, Elfmeterschießen. Beileibe nicht in jedem Spiel. Aber genau das ist das Reizvolle: man weiß nie vorher, wie das Spiel wird. Der Angler hat auch weniger Spaß, wenn er jedes Mal einen Fisch aus dem Teich zieht.

Halten wir fest: ob uns die WM seelisch gesünder macht, weiß man nicht. Aber es gibt gute Gründe, die dafür sprechen, dass wir uns während der WM besser fühlen. Und das ist doch schon was, oder?

Männlichkeiten und Sucht
Männer, die Täter? Frauen, die Opfer?
 

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